Neuer Gesangbuchanhang

Lieder, die keine Eintagsfliegen sind und Brücken bauen 

Landesmusikdirektor
Kord Michaelis — Quelle: privat
Die badische Landeskirche führt – zusammen mit den evangelischen Kirchen in Württemberg, der Pfalz und Elsass-Lothringen – zum 1. Advent einen neuen Liedbuchanhang ein.
Der Landeskirchenmusikdirektor Kord Michaelis (Karlsruhe) berichtet im Interview mit Öffentlichkeitsreferent Claudius Schillinger, wie es dazu kam, nach welchen Kriterien die Lieder ausgewählt wurden. 
Warum gibt es einen neuen Gesangbuchanhang?
Kord Michaelis: Das 1995 eingeführte Evangelische Gesangbuch ist – genau wie alle Gesangbücher vor ihm – eine Momentaufnahme. Es enthält die wichtigen Lieder unserer jahrhundertealten Kirchenliedtradition, aber auch neuere Lieder aus den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg, die den Liedbuchkommissionen der 80er-Jahre wichtig waren. Nun geht die „Liedproduktion“ aber natürlich immer weiter – es entstehen Jahr für Jahr spannende neue Lieder. Daher ist es schon immer wichtig gewesen, zwischen den Erscheinungsterminen des eigentlichen Gesangbuchs (das wahrscheinlich 2030 neu überarbeitet herauskommen soll), neuere Lieder in Beiheften zu sammeln und sie als Landeskirche miteinander zu erproben. Täte man das nicht, wurden manche Lieder, weil sie just zur Entstehungszeit eines Evangelischen Gesangbuchs schon „olle Kamellen“ sind, es nie in ein Gesangbuch schaffen. Andere, die gerade angesagt sind, würden aufgenommen, obwohl sie sich vielleicht als Eintagsfliegen erweisen.

Welche Lieder finden sich im Anhang?
Kord Michaelis: Vielfältige, und zwar insgesamt 218 Stück, davon 124 neue. Wir haben heutzutage sehr unterschiedliche kirchliche „Singszenen“, die teilweise wenig voneinander wissen und ihre Lieder gegenseitig nicht gut kennen. Im neuen Anhang sind typische „Sacro-Pop-Lieder“ aus dem Kirchentagsumfeld genauso vertreten wie Kanons und klassisch anmutende neue Lieder. Wir finden Anbetungs- und internationale, mehrsprachige Lieder. Außerdem sind einige Choräle enthalten, da für den neuen Wochenliedplan, der ab dem 1. Advent gilt, einige Lieder in unserem Gesangbuch fehlten. Da die Auswahlkommission aber aus sehr vielen Liedern auszuwählen hatte, sind natürlich von allen Lied-Genres eher die interessanteren und qualitativ überzeugenderen Lieder aufgenommen worden. Die Kommission wollte gerne aussagekräftige Texte und singbare Melodien von Komponisten, die auch mal den Mut zum Ungewöhnlichen haben. Nicht jedes Lied wird jedem gefallen – aber das Liederbuch ist auf jeden Fall spannend!

Was ist das Besondere für Sie am Anhang?
Kord Michalis: Voneinander Lieder zu lernen, kann einen wichtigen Brückenschlag bilden – nicht nur zwischen Nationen und Konfessionen, sondern auch zwischen verschiedenen Frömmigkeitsstilen. Insofern ist das Besondere allein schon, wie viele Lieder es für jeden und jede zu entdecken gibt. Der Brückenschlag ist aber auch ganz wörtlich zu verstehen, denn wir haben das Liederheft gemeinsam mit Vertretern aus Elsass-Lothringen erstellt. Nun ist es sowieso auffällig, dass viele Lieder heutzutage mehrsprachig sind. Aber in unserem Heft gibt es besonders viele Liedern, die auch französische Texte haben. Für die Ökumene beiderseits des Rheins ist das ein großer Gewinn!